Wenn Psychotherapie schadet

Verwendet man die Worte Psychotherapie oder Psychotherapeut*in, ist man in der Regel schnell gebrandmarkt. Die meisten Menschen verbinden das sofort mit Depressionen und beginnen meist ungebetene Ratschläge zu erteilen. Doch es gibt unzählige Gründe, warum man eine Therapie aufsucht.

Ganz so einfach ist das nicht über ein solch kontroverses Thema zu schreiben und es hat lange gedauert, die nachfolgenden Zeilen zu verfassen. Warum es mich also zu einem Therapeuten verschlagen hat? Wegen ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome). Wer hierzu weiterführende Informationen möchte, findet sie auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS, denn nachfolgend geht es nicht um die Krankheit an sich.

Nun habe ich also einen Überweisungsschein in der Hand. Ich telefoniere alle in erreichbarer Nähe stehenden Therapeut*innen ab und den Zuschlag erhält, wer zuerst einen Therapieplatz anbieten kann.

Die Psychotherapie

In meinem Fall handelte es sich bei dem Therapeuten um einen Herrn im Alter von schätzungsweise Anfang 50. Er war mir auf anhieb sehr sympathisch. Nach einigen Fragebögen legten wir uns auf eine tiefenpsychologische Therapie fest und erstellten gemeinsam einen Therapieplan. Neben einer wöchentlichen Einzeltherapie schlug er auch seine Gruppentherapie vor.

Die Gruppentherapie

Im Stuhlkreis prüfte der Therapeut zu Beginn immer akribisch die Anwesenheit aller und stellte mich anschließend vor. Danach zog er sich bei geschlossener Türe in sein Büro zurück. Während diesen Doppelstunden war er grundsätzlich nicht anwesend. Das sei auch gar nicht nötig hieß es, denn die Therapie fände zwischen den Patienten statt. Gespräche unter den Patienten kamen aber nur sporadisch zustande. Hier ein kurzes Gespräch über aktuelle Nachrichten oder das Wetter, gefolgt von Stille.

Wir saßen dort also schweigend im Stuhlkreis, 90 Minuten lang. Die einen starrten Löcher in die Luft, die anderen auf die Bildschirme ihrer Smartphones. Wieder andere lasen ausliegende Zeitschriften. Eine zähe Angelegenheit die sich wöchentlich wiederholte.

Ja zugegeben, ich fand es ätzend. Bald endete meine AU und wurde nicht weiter verlängert. Aufgrund meiner Vollzeit-Berufstätigkeit war die Teilnahme an der Gruppentherapie vormittags also nicht länger möglich. Eine Befreiung dafür wurde mir nicht gewährt. Als ich das Thema mit dem Therapeuten zu besprechen versuchte, stand sein Urteil sofort fest.

«Sie haben also keinen Bock mehr»

Nach einer langen Predigt über Motivationen und Ambitionen heutiger junger Menschen äußerte ich das Angebot, dies doch selbst mit meinem Vorgesetzten zu koordinieren. Meinen Aufschrieb mit Namen und Kontaktdaten lehnte er ungesehen ab und wechselte prompt das Thema.

Während den ersten Einzeltherapien wurden zuhauf Fragen zu Problemhergängen und Lebensereignissen gestellt. Meine Antworten unterbrach der Therapeut gerne und wirkte dabei launisch. Bei mir entstand deswegen der Eindruck, als wären meine Probleme keine ausreichende Herausforderung für ihn.

Psychotherapie Phase 1

Wie aus dem Lehrbuch gab es in den Einzelstunden die Aufgabe Bilder zu malen. Es gab auch Rollenspiele und Positionseinnahmen. Hierzu sollte ich auf roten und blauen Fußabdrücken, die überall im Raum auf den Boden geklebt waren, Position einnehmen und so erfragte Lebensereignisse nachstellen. Wenn vorhanden, sollten auch andere Personen imitiert werden, um ihre Standpunkte „einzusehen“. Wie inzwischen gewohnt unterbrach der Therapeut regelmäßig, belehrte, korrigierte, schnaufte missmutig mit verschränkten Armen oder stöhnte gereizt und hegte auch Zweifel am Gesagten.

«Ach was…»

Egal ob bei Rollenspielen, Erzählungen oder Rückfragen, er unterbrach meist sehr verdrossen mit erhobener Stimme. Was ich anfangs noch als Verwunderung oder Vorstellungslosigkeit interpretierte, wurde mit der Zeit immer deutlicher.

«Das kann doch gar nicht sein!»

Therapeut: «Langweilt Sie Ihr Job?»

Ich: “Nein überhaupt nicht”

Therapeut: «Was, wenn ich Ihnen einen neuen Job besorge, den Sie morgenfrüh sofort anfangen könnten?»

Ich: “Das würde ich nicht wollen. Ich mag meine Arbeit und…” (Therapeut unterbricht)

Therapeut: «Ja ja, es ist schwierig sich auf Neues einzulassen!»

Zu diesem Zeitpunkt eröffneten sich mir erste Zweifel an (dieser) Psychotherapie. Plötzlich gab es eine entscheidende Wendung: Der Therapeut wollte auf einem Flipchart die Familienstruktur erfassen. Waren es noch zuvor der unterstellte Unwille und fehlende Ambitionen, schoss er sich rasch auf einen Vaterkomplex ein und wartete mit den abenteuerlichsten Deutungen auf.

Psychotherapie Phase 2

Eine tiefe Sehnsucht nach einer Vaterfigur könne er bei mir spüren. Zu diesem Zeitpunkt kannte er noch keinerlei Details außer, dass mein Vater bei einem Unfall verstarb. Dennoch, alle Probleme sind nur durch einen Vaterkomplex zu erklären und ich würde mich nur weigern, diese Wahrheit anzuerkennen. Alles, der täglich präsente Zustand der Erschöpfung wie auch Schlafstörungen mit teils weniger als zwei Stunden Schlaf pro Nacht – und möglicherweise auch noch der Erkältung.

«Vielleicht brauchen Sie ja gar nicht so viel Schlaf. Das ist doch toll, dann haben Sie viel mehr Freizeit!»

Und überhaupt sei es nicht nachvollziehbar, dass die Mutter nie mehr geheiratet habe. Selbes gelte auch für mich, in meinem Alter müsse ich längst verheiratet sein, Kinder oder wenigstens eine feste Beziehung haben.

«Das ist ja nicht normal. (…) Sind Sie schwul oder ist es irgendeine andere Abart?!»

Sicherlich lässt sich nun über den Begriff „Abart“ im therapeutischen Sinne und im umgangssprachlichen streiten, doch was ist „Normal“? Immerhin belehrte er mich kurze Zeit zuvor, es gäbe kein „Normal“ und er will dieses Wort nicht hören. Erstmals reagierte ich offen ärgerlich und machte deutlich, dass ich nicht homosexuell bin, es keine andere „Abart“ gibt und dies auch nicht Thema dieser Psychotherapie ist.

Er setzte erneut an, belehrte mich über Einsamkeit und Heirat. Ich bin keineswegs einsam. Im Gegenteil und wenn ich das Bedürfnis verspüre, kümmere ich mich um Gesellschaft und Ehe. Kommentarlos gestikulierte er ein Abwinken und widmete sich intensiv seinem Schreibblock. Er erweckte bei mir den Eindruck, als hätte ich vorsätzlich versäumt, in ein Geschäft zu gehen und mir einen neuen, lebendigen Vater zu kaufen.

Der Schlüssel zur Lösung meines ME/CFS sei das Etablieren einer Vorbildfigur, hierzu schlug er sich selbst vor, dem „schnellen Finden“ einer Beziehung, «…und der Rest kommt dann schon von allein». Tatsächlich schlug er sich selbst als meine Vorbildfigur vor, nachdem er mir alle Vorbilder (die er detailliert erfragte) absprach.

Der bekannte TV- und Radiomoderator Jürgen Domian sei das schlechte Vorbild, das man sich nur aussuchen kann. Ein Pseudo-Psychiater und Scharlatan, der seinen Zuschauern und Gästen nur Schaden zufügt. Auch der Schauspieler Robin Williams durfte nicht Vorbild sein, denn er spiele nur Rollen und sei daher eine fiktive Person. Niemals kann so jemand ein Vorbild sein! Zwischen Entsetzen und aufkommender Verärgerung stellte ich mir selbst nur die Frage, ob ich nun Batman und Superman vorbringen soll, doch ich beließ es bei der simplen Frage, wer denn mein Vorbild sein darf: «Na zum Beispiel ich!».

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich einige Geldsorgen. Durch die zunehmende Erschöpfung war ich irgendwann gezwungen, meine Arbeitszeit auf 75% zu reduzieren. Das minimierte meinen Verdienst natürlich um einiges, zumal ich noch finanzielle Verpflichtungen gegenüber Angehörigen habe.

Natürlich, das belastet und diese Sache erzählte ich auch dem Therapeuten. Er zückte sein Smartphone und schrieb fleißig auf seinem Block die seiner Meinung nach angemessenen Kosten für Einkäufe, Strom, Wasser, Telefongebühren und alles andere anhand von Durchschnittswerten aus dem Internet. Grinsend stellte er fest, mit so viel verfügbarem Geld könne er noch mehrfach im Jahr in den Urlaub fliegen, wenn man denn mit Geld richtig umgehen kann.

Ihm war im übrigen bekannt, dass ich in einer Buchhaltung angestellt bin. Auf so viel Dreistigkeit wollte ich nicht mehr antworten und entgegnete ihm lediglich ein fassungsloses Kopfschütteln.

Demotivationsphase

Spätestens ab diesem Zeitpunkt fragt Ihr Euch bestimmt, warum ich mich noch nicht aus dieser Psychotherapie verabschiedet habe. Ich denke heute genau so. Damals allerdings nicht, da ich tatsächlich überzeugt war, dass mir dieser Therapeut (mit sehr guten Netz-Bewertungen!) irgendwie helfen kann. Demotiviert war ich trotzdem…

Rollenspiele auf den bunten Fußabdrücken waren auch in der zweiten Phase noch ein fester Bestandteil, nur verliefen sie diesmal anders. Fortan durfte ich nicht mehr frei reden, sondern musste vom Therapeuten vorgegebene Sätze laut aussprechen um sie “einzusehen”: «Stellen Sie sich auf die roten Fußabdrücke und sagen Sie es…!»:

„Ich wünsche mir so sehr einen Vater!“

„Ich will endlich heiraten!“

„Wenn ich wirklich will, geht es mir gut!“

„Ich bin so einsam!“

„Ich bin ein gesunder, erwachsener Mann!“

Nur wenn ich all dies wirklich will, werde es auch geschehen. Daraus formulierte er mir zugleich auch die dringend notwendige Erkenntnis, mein Versagen aus der Vergangenheit anzuerkennen. Hätte ich nämlich wirklich gewollt, dass es mir gut geht, wäre das heute auch so.

Offene Skepsis, lauter Widerspruch, reichlich Stöhnen und keinerlei Akzeptanz meiner Bedürfnisse.

Die Sache mit dem Willen

Eines Tages übergab mir der Therapeut plötzlich einen Flyer für eine Selbsthilfegruppe für Betroffene von Erschöpfungsdepressionen (Erschöpfungsdepression ≠  ME/CFS!). Dort habe er mich angemeldet, es würde nur 25 Euro pro Monat kosten und ich soll mich unter der markierten Telefonnummer für den Termin melden. Verärgert stellte ich ihn zur Rede, wie er ohne vorherige Absprache dazu kommt, mich in einer kostenpflichtigen Gruppe anzumelden?

«Sie müssen sich schon auch helfen lassen wollen…»

Damit ging er eindeutig zu weit, er wehrte jedoch auch eine Konfrontation dessen erfolgreich ab. Interessehalber meldete ich mich unter besagter Telefonnummer. Ich wollte herausfinden, ob er blufft. Nein, eine Anmeldung lag tatsächlich vor – ich zog sie zurück… 😡

Spätestens ab diesem Zeitpunkt kritisierte er auch regelmäßig meine „inadäquate Gereiztheit“. Die Frage, ob ihn das nun wirklich wundert, konnte ich kaum zurückhalten. Schon über ein halbes Jahr zog sich diese „Psychotherapie“, die ich meist sehr viel verstörter wieder verließ, als ich zuvor dort angekommen war.

Meine Versuche, die Vater-Themen zu beeinflussen und auch wieder auf die Punkte der Therapievereinbarung zu bringen, wurden prompt abgewehrt. Spätestens jetzt stellten sich mir auch bei dem Wort „Wollen“ nur noch die Nackenhaare. Mir schien es in meiner Naivität immer noch, als seien ihm Zusammenhänge und Ausmaß unklar, doch meine Versuche das näher zu erläutern, waren sprichwörtlich nicht erwünscht.

«Das will ich nicht hören!»

Ich spreche ein Thema an, erhalte in aller Kürze einen schmähenden Spruch und fortgefahren wird eindringlich mit Deutungen. Auf diese Art war es einfach nicht möglich, Themen zu bearbeiten. In jeder neuen Stunde fuhr der Therapeut neue Geschütze auf, überwiegend zum vermeintlichen Vaterkomplex.

«Eingeständnisse sind ein wichtiger Schritt!»

Neben „Wollen“ kamen immer wieder die Worte „Eingestehen“, „Eingeständnis“ und „Zugeben“ auf. Man assoziiert sie mit einem Verbrechen, einem polizeilichen Verhör oder einer Gerichtsverhandlung. Und beides zieht ein Urteil mit sich. Ich bin hier doch in einer Psychotherapie. Was habe ich verbrochen und was soll ich gestehen? Seine Deutungen, die er zur Realität erkoren hat? Wozu werde ich anschließend verurteilt?

Nach sechs Monaten Verschlimmerung, gingen mir die beschönigenden Argumente aus. Ich konnte mir nicht länger selbst einreden, dass der Mann ein Profi ist, ich mich darauf einlassen und seine Methodiken nicht hinterfragen sollte. Meine daraufhin folgende Bitte den „Vater“, alle daraus entstandenen Vermutungen in den Hintergrund zu stellen und uns an der Therapievereinbarung zu orientieren, führten letztendlich zur Eskalation.

Eskalation

Impulsiv in einem Wutausbruch schleuderte der Therapeut meine Akte samt dem darauf liegenden Schreibblock und Stift auf den Boden und erklärte in harschem Ton, dass er fortan keine Therapiestunden mehr mit mir führen will und mich nun ablehnen müsse.

«Ich lehne Sie jetzt ab, so wie es auch Ihr Vater mit Ihnen getan hat!»

Moment mal, stopp! Wie bitte?? 😮 Mein Vater hat mich nicht abgelehnt, er ist tot! TOT! Unfreiwillig verstorben! Welchen Teil davon begreift der Mann denn nur nicht?? Ist das umgekehrte Psychologie? Versucht er mich dazu zu bringen, ihn anzubetteln mich nicht zu verstoßen und seine Dominanz beziehungsweise Überlegenheit zu demonstrieren?

Er begründete seine Ablehnung jedenfalls damit, dass er «keinen Bock» mehr habe. Er stand auf, öffnete die Türe und gestikulierte mir winkend, seine Räumlichkeiten zu verlassen.

Das wars! Ein Verlust, eine Kränkung? Es war viel mehr eine Erlösung! Leider kam auch die nicht neue Erkenntnis über meine Naivität und wie schlecht ich Personen sowie Situationen einschätzen kann. Hätte ich wissen können, dass seine Methoden nicht doch die Chance auf Heilung sind, oder wenigstens einen Weg bereiten?

Ein letztes Aufbäumen des Therapeuten

Rund zwei Wochen nach dem letzten Termin hörte ich überrascht erneut von ihm. Er schrieb mir tatsächlich eine E-Mail und verlangte darin ein Feedback zu seiner Psychotherapie.

Es las sich nicht wie eine Bitte, eher wie eine Forderung. Mit rollenden Augen fragte ich mich, ob er das nun wirklich ernst meint. Ich reagierte nicht darauf, doch er meldete sich erneut. Entsetzt über so viel Dreistigkeit, formulierte ich eine Antwort und legte ihm im Groben meine Empfindungen dar. Höflich aber bestimmt und unmissverständlich mit der Aufforderung, mich nicht mehr zu kontaktieren.

Die Antwort traf kaum eine Stunde später in gewohnter Manier ein und enthielt nichts als Phrasendrescherei über Eingeständnisse, Wollen und dem Klassiker der Therapieklassiker: Therapeut drang nicht zum Patienten durch. Er ging auf nichts ein das ich zuvor geschrieben hatte. Eine hämische Einladung in der Fußnote zu einer sogenannten „Bonding-Therapie“ fügte er bei, in der er sich freue mich begrüßen zu dürfen um dort «endlich eine Partnerin zu finden».

Wir sind übereingekommen, an dieser Stelle die Psychotherapie nicht weiter zu führen. Das war für mich im gegenseitigen Respekt!
(…)
Ich habe alles getan…habe alles ausgeschöpft…konnte nicht zu Ihnen durchdringen.
(…)
Ich würde mich dennoch freuen, Sie bei meiner Bonding-Therapie am/um/in zu begrüßen. Nehmen Sie das als Chance wahr, um endlich eine Partnerin für sich zu finden.

E-Mail-Auszug des Therapeuten

Ich, ich, ich… Wir sind im übrigen nicht “übereingekommen”, die Therapie nicht weiter zu führen. Das war eine sehr respektlose und einseitige Entscheidung, die ich jedoch sehr erleichtert akzeptierte.

Den »passenden« Therapeuten finden?

Man findet keinen passenden Therapeuten. Man kann nur nehmen, was gerade greifbar ist. Das ist eine glatte Lüge, solange jene mit ellenlangen Wartelisten arbeiten müssen und Patient*innen bis zu einem halben Jahr auf einen Termin warten. Nur meine Meinung.

Nach dieser “Psychotherapie” an die Wiederaufnahme einer neuen denken? Na, was glaubt ihr wohl…? 🙄

Tim

Digital native, Blogger, Photographie, Musik-/Film-Junkie. Autismus, PTBS. Macht beruflich was mit Zahlen. Ein Bisschen Politik, viel soziales. Mag Füchse und mit Käse überbackenes.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.