Twitter ist toxisch

Twitter war von Beginn an eine Plattform, um Informationen in Echtzeit mit Personen aus der ganzen Welt auszutauschen. Heute ist Twitter toxisch, zumindest der deutsche Teil davon. Ein giftiges Schlachtfeld, das sich nur noch mit sich selbst messen kann. Die gemütliche Runde mit Menschen aller Schichten ist tot. Mit ihrem sympathischen #FollowFriday, ihren offenen Dialogen, ihren Katzenbildern, ihrer Hilfsbereitschaft und ihren Mahlzeiten. Tot.

Das US-amerikanische Unternehmen wurde 2006 gegründet und war damals eher noch eine Alternative zur teuren SMS. Eine sympathische Microblogging-Plattform, die auf internationaler Ebene schnell beliebt wurde. Nur die deutsche Netz-Community nahm Twitter anfangs nicht an.

Schlachtfeld

Twitter ist heute ein Schlachtfeld. Streit, Hass und Beleidigungen an jeder Ecke. Keinerlei Informationsgehalt mehr. Kaum erscheint ein Tweet einer Nachrichtenagentur, eines Vereins oder sonst wem, finden sich wenige Minuten später übelste Drohungen und Beschimpfungen darunter. Selbst wenn es nur um Sportergebnisse geht.

Blocklisten hier, Blockaufrufe dort. Katzenbesitzer gegen Hundehalter. Veganer gegen Fleischfresser, Fahrradfahrer gegen Autofahrer, Homöopathen gegen Schulmediziner – diese Liste kann schier unendlich fortgesetzt werden. Entsetzlicherweise oft tatkräftig unterstützt von “Personen öffentlichen Interesses”. Promis, Politiker und anderen Selbstdarstellern…

“Blauer Haken”: Das Statussymbol für Personen öffentlichen Interesses.

Meist verschwinden solche Ergüsse zwar schnell wieder, Anhänger schaffen es bis dahin aber locker, auch noch den Aufruf zu Hinrichtungen noch irgendwie zu rechtfertigen. Folgen hat das meist keine, jedoch radikalisieren sie die aufgeheizte Community immer noch mehr.

Ideologischer Sumpf

Schachteldenken überall, Austausch, Diskurs und Kompromiss – tot. Nur noch “rechts” und “links”. Geht es nach mir, ist keine Richtung besser. Beides war schon da und endete mit Massen an Toten, Terror, Elend, Hass und Gewalt. Für diese Aussage ist der “Shitstorm” auf Twitter gewiss.

Direktnachricht
Twitter Direktnachricht

Gegner von Angela Merkels Politik? Nazi! Bedingungsloses Grundeinkommen? Linksgrüner! Jeder gegen jeden und alles dreht sich nur noch darum, eine Jagd auf die jeweils anderen zu machen, zu diffamieren und einzuschüchtern.

Ein Spiegel der Gesellschaft oder ein Phänomen des anonymisierten Internets? Ich weiß es nicht, aber ich nenne es Infantilisierung. Ich weiß ebenso nicht, wann es so entartet ist. Sicher bin ich mir jedenfalls, dass es nicht immer so gewesen ist.

Filterblasen?

Es ist nur deine Bubble, nur deine Filterblase, nicht Twitter ist toxisch“. Die Sache mit der Filterblase ist ein Totschlagargument. Natürlich kann man die Timeline individuell zusammenstellen, genau deshalb kann nur anhand der Trending Topics gemessen werden – und die werden außerhalb der Filterblasen generiert.

Daher kann man sagen, die Trends sind repräsentativ für die deutsche Twitter-Community. Sie sammeln und konzentrieren auf das Wesentliche, durch toxische Nutzer, Meinungsmacher aber auch durch Bots. Einer auf alle, alle auf einen. Schlimmer noch, es scheint praktisch nichts mehr ohne eine politische Einordnung stattzufinden.

Auf Twitter sind ohnehin nur Politiker, Journalisten und Psychopathen unterwegs.

Dorothee Bär (CSU). Designierte Staatsministerin für Digitales, März 2018

Mein Twitter

2009 habe ich mich angemeldet, drei Jahre nach dem Start. Nur, weil ich “live” eine Apple WWDC um Start des iPhone 3GS verfolgen wollte. Den berühmten Video-Livestream hätte unsere Internetleitung damals nicht verkraftet. Meine ersten Tweets waren in englisch, es dauerte, bis ich auf die ersten deutschsprachigen Nutzer stieß.

Schnell war Twitter für mich die Informationsquelle #1. Statt auf herkömmlichen Seiten alles erst suchen und filtern zu müssen, konnte man sich hier individuell nach Themen alles zusammenstellen und mit nur einem Klick Informationen einholen. Meine Follower wuchsen zuletzt auf 2.500. Außerdem lese ich gerne unterschiedliche Ansichten, daraus kann man stets viel lernen.

Es lief viele Jahre lang gut, dann wurde Twitter toxisch. Meine mehrfachen Versuche den Hass fernzuhalten, erfolglos. Dann war der Account privat. Zum Mitlesen akzeptabel, für Interaktion zu eingeschränkt. Und warum sollte man auch den ganzen Hass mitlesen wollen. In der englischen Community möchte ich nicht Fuß fassen – zu abseits meiner Interessen.

Ein Neustart von ganz unten ist missglückt, selbst mit sorgfältigstem Prüfen schwappt die giftige Brühe doch immer wieder in die Timeline. Heute liegt mein Account brach. Nicht gelöscht, für Archivierungszwecke. Ab und zu schaue ich rein, um mich vom Gegenteil zu überzeugen. Mein subjektives Urteil: Es wird stets schlimmer.

Trend: Anschwärzen, Shitstorm starten

https://twitter.com/<BENUTZERNAME>/status/12345678909876543210

Typische Twitter-URL

Um jemanden zu diffamieren nehme man die URL eines beliebigen Tweets, ändere ein paar Zahlen darin und präsentiere eine unbelegte Aussage als Zitat, um einen “Shitstorm” gegen den erklärten Feind zu starten. Da die URL natürlich ungültig ist und “404 Error” ausgibt, unterstellt man gleichzeitig, aus Feigheit den Tweet gelöscht zu haben.

Man bedient sich oft auch gerne sogenannten Fake-Tweet-Generatoren. So oder Zitat, 99% Erfolgsgarantie, dass die Zielperson den Tag darauf ein gesperrtes Benutzerkonto oder einen “Shitstorm” sondergleichen haben wird. Völlig egal, ob sich das Ziel überhaupt etwas zu Schulden kommen ließ. Warum das so ist, gleich unten im nächsten Absatz.

Toxischer Algorithmus

Während sich vielgefolgte und Accounts mit blauem Haken jede Beleidigung, Falschbehauptung usw. usf. ohne Konsequenzen erlauben dürfen, reicht es bei “normalen Accounts” aus, auf einer Blockliste zu landen. Es dauerte immerhin Jahre, bis das Konto eines abgewählten US-Präsidenten gesperrt wurde, dessen Tagesgeschäft Fake News, verbale Ausfälle und geistiger Abfall jeglicher Art war. Und er war der Extremfall!

Twitter bannt nicht nach dem potenziell widrigen Inhalt eines gemeldeten Tweets, sondern nach der Anzahl, wie oft gemeldet wurde. Das heißt also im Klartext: Gefallen einer bestimmten Anzahl deine Katzenbilder nicht, wirst du solange geblockt oder gemeldet anhand dieser Listen, bis Twitter das Benutzerkonto letztlich sperrt.

So blockt man sich erfolgreich jeden Diskurs aus dem Weg. Irgendwo einen “falschen Tweet” retweetet oder favorisiert, zack auf einer Blockliste gelandet. Selbst wenn die Tweets strafrechtlich oder für das NetzDG völlig irrelevant sind und auch nicht gegen die Nutzungsregeln verstoßen.

Das Problem konzentriert sich stark auf Deutschland. Der (international angewendete) Algorithmus ist Mist. Nicht nur, dass er kleine Accounts unterdrückt und große publik macht, er macht eine Mehrklassengesellschaft aus der Community. Aber für Deutschland kommt obendrein noch das umstrittene NetzDG, das die Blockwart-Mentalität befeuert und fördert.

Im Selbstexperiment sucht man einen beliebigen Tweet einer ausländischen Nachrichtenagentur auf und vergleicht die Kommentare darunter mit denen eines Beitrags der ARD. Möchte man sich nicht so viel Arbeit machen, reicht es auch Trends verschiedener Länder miteinander zu vergleichen.

Fünf Tipps zur frustfreien Twitter-Nutzung

  1. Schloss an den Account (Privat)
  2. Niemals diskutieren
  3. Keine “weiteren Antworten” in den Drukos lesen
  4. Fernbleiben von Nutzern ohne Profilbild
  5. Fernbleiben von Meinungsmachern (zu 90% die mit blauem Haken)

Und nun Eure Meinungen. Ist Twitter toxisch?

Tim

Digital native, Blogger, Photographie, Musik-/Film-Junkie. Autismus, PTBS. Macht beruflich was mit Zahlen. Ein Bisschen Politik, viel soziales. Mag Füchse und mit Käse überbackenes.

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