Twitter ist toxisch

Twitter war von Beginn an eine Plattform, um Informationen in Echtzeit mit Personen aus der ganzen Welt auszutauschen. Heute ist Twitter toxisch, zumindest der deutsche Teil davon. Ein giftiges Schlachtfeld, das sich nur noch mit sich selbst messen kann. Die gemütliche Runde mit Menschen aller Schichten ist tot. Mit ihrem sympathischen #FollowFriday, ihren offenen Dialogen, ihren Katzenbildern, ihrer Hilfsbereitschaft und ihren Mahlzeiten. Tot.

Das US-amerikanische Unternehmen wurde 2006 gegründet und war damals eher noch eine Alternative zur teuren SMS. Eine kleine, sympathische Microblogging-Plattform, die auf internationaler Ebene schnell beliebt wurde. Die deutsche Netz-Community nahm Twitter anfangs nicht an.

Schlachtfeld

Twitter ist heute ein Schlachtfeld. Facebook 2.0. Streit, Hass und Beleidigungen an jeder Ecke. Kein Informationsgehalt mehr. Kaum erscheint ein Tweet einer Nachrichtenagentur, eines Vereins oder einer Person der Öffentlichkeit, finden sich wenige Minuten später übelste Drohungen und Beschimpfungen darunter. Selbst wenn es nur um Sportergebnisse geht.

Jeder gegen jeden und alles dreht sich nur noch darum, eine regelrechte Jagd auf die jeweils “anderen” zu machen, sie zu diffamieren und einzuschüchtern.

Direktnachricht
Twitter Direktnachricht

Blocklisten hier, Blockaufrufe dort. Katzenbesitzer gegen Hundehalter. Veganer gegen Fleischfresser, Fahrradfahrer gegen Autofahrer, Homöopathen gegen Schulmediziner. Entsetzlicherweise oft tatkräftig unterstützt von Prominenten aller Klassen und Politikern aller nur erdenklicher Parteien.

Filterblasen?

Die Sache mit der Filterblase ist ein Totschlagargument. Natürlich kann man die Timeline individuell zusammenstellen, genau deshalb kann nur anhand der Trending Topics gemessen werden – und die werden außerhalb der Filterblasen generiert.

Daher kann man praktisch sagen, die Trends sind repräsentativ für die deutsche Twitter-Community. Sie sammeln und konzentrieren auf das Wesentliche, durch toxische Nutzer aber auch durch Bots. Einer auf alle, alle auf einen. Schlimmer noch, es scheint praktisch keine Diskussion mehr ohne eine politische Einordnung stattzufinden.

Toxischer Algorithmus

Während vielgefolgte Accounts mit den übelsten Beleidigungen ohne Konsequenzen um sich werfen, reicht es bei “normalen Accounts” schon aus, auf einer Blockliste zu landen. Es dauerte immerhin Jahre, bis das Konto eines abgewählten US-Präsidenten gesperrt wurde, dessen Tagesgeschäft Fake News, verbale Ausfälle und geistiger Abfall jeder Art war. Und das war der Extremfall!

Twitter bannt nicht nach dem potenziell widrigen Inhalt eines gemeldeten Tweets, sondern nach der Anzahl, wie oft gemeldet wurde. Das heißt also im Klartext: Gefallen einer bestimmten Anzahl deine Katzenbilder nicht, wirst du solange geblockt oder gemeldet anhand dieser Listen, bis Twitter das Benutzerkonto letztlich sperrt.

Dennoch, so blockt man sich erfolgreich jeden Diskurs aus dem Weg. Irgendwo einen “falschen Tweet” favorisiert, zack auf einer Blockliste gelandet. Selbst wenn die Tweets strafrechtlich oder für das NetzDG völlig irrelevant sind.

Das Problem des toxischen Twitter konzentriert sich stark auf Deutschland. Der (international angewendete) Algorithmus ist Mist. Nicht nur, dass er kleine Accounts unterdrückt und große pusht, er macht eine Mehrklassengesellschaft aus der Community. Aber für Deutschland kommt obendrein noch das umstrittene NetzDG, das die Blockwart-Mentalität befeuert und fördert.

Im Selbstexperiment sucht man einen beliebigen Tweet einer ausländischen Nachrichtenagentur auf und vergleicht die Kommentare darunter mit denen eines Beitrags der ARD. Möchte man sich nicht so viel Arbeit machen, reicht es auch Trends verschiedener Länder miteinander zu vergleichen.

Wie seht ihr das? Ist Twitter toxisch?

Tim

Digital native, Blogger, Photographie, Musik-/Film-Junkie. Autismus, PTBS. Macht beruflich was mit Zahlen. Ein Bisschen Politik, viel soziales. Mag Füchse und mit Käse überbackenes.

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