Individualverkehr abschaffen?

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Unsere in den 1950er-Jahren konzipierte und für den Verkehr dieses Jahrzehnts entwickelte Verkehrsinfrastruktur droht zusammenzubrechen, während deren Nutzer Rekordsummen entrichten, die immer wieder aufs Neue zweckentfremdet werden. Das Auto soll also am besten abgeschafft werden, weg mit dem Individualverkehr! Auch schaffen es deutsche Autohersteller einfach nicht, umweltgerechte Technologien zu entwickeln, verstricken sich stattdessen in einen (Abgas)-Skandal nach dem anderen. Und so machen andere das Rennen.

Was in Deutschland für gewöhnlich als Ding der Unmöglichkeit abgetan wird, wird anderswo längst praktisch angewendet. Dort fährt der Transrapid in China (Cixuanfulieche) und Japan treibt mit Hockdruck die Wasserstoffwirtschaft voran. Der Transrapid ist eine deutsche Ingenieurskunst, nach Asien verkauft. Unsere Brennstoffzellen-Technologie, bereits vor Jahren aufgegeben – immerhin hat man sie gerade wieder entdeckt. Dennoch: Unwirtschaftlich, teuer, schlechter Wirkungsgrad etc. pp. Wenn es irgendwann längst zu spät ist, folgt die schockierte Feststellung, wir wurden gnadenlos überholt.

Bus, Bahn, Fahrrad statt Individualverkehr

Alles versiebt, dann muss eben der Individualverkehr weg! Das predigen die Grünen am laufenden Band, selbst aber denken sie nicht einmal im Traum daran, auf das Auto zu verzichten.

Und die Alternative: In Berlin und München fahren alle fünf Minuten ein Bus oder die Straßenbahn! Der Rest der Nation muss eben auf das Fahrrad ausweichen, denn alle sind jung, kerngesund und sowieso viel zu dick.

Während man sich in Deutschland als Vorreiter mit Vorbildfunktion sieht und in Selbstlob versinkt, plant, entwickelt und investiert der Rest der Welt in umweltgerechte Individualmobilitätslösungen. Dort geschieht also genau das Gegenteil.

Seien es nun autonome Taxis, E-Car-Sharing, Hyperloop oder Transportgondeln. Soweit will man in Deutschland nicht gehen. Weder möchte man mit solchen Technologien liebäugeln, noch möchte man im Land der Ingenieure selbst an Lösungen arbeiten. Warum auch, wenn neue Verbote das Transportwesen der Zukunft regulieren können. Man sagt zwar immer, dass such Deutschland durch die verschlafene Digitalisierung ins Aus wirtschaftet, doch auch in anderen Bereichen drängen wir uns bewusst selbst an den Rand.

Zu viel Ideologie

90 Prozent des Tages steht ein Auto ungenutzt irgendwo herum. Zahnbürste, Waschmaschine und sogar die Wohnung zwar auch, doch hier wird noch irgendwann irgendjemand ungeahntes Sharing-Potenzial entdecken. Vielleicht so wie in Japan, wo sich mehrere Personen abwechselnd “Schlafröhren” teilen oder wie in China und den Hongkonger Sargzimmern.

Wenn man pauschal davon ausgeht, dass Autobesitzer zum Spaß mit ihrem “Statussymbol” morgens und abends zu bekannten Stoßzeiten durch die Gegend fahren, wo doch alle nur fünf Fahrrad-Minuten von ihren Arbeitsplätzen wohnen, dann will man Ursache und Wirkung einfach nicht erkennen.

Wenn wir das aktuellste Beispiel aufgreifen, scheitert mit der Berliner Friedrichstraße nicht der erste Modellversuch einer autofreien Straße, auch wenn es dabei eher um Prestige gehen sollte.

Und spätestens wenn die Autos wirklich aus Städten verbannt sind, bilden sich erste Bürgerinitiativen, die die endlosen Blechlawinen an Fahrrädern aus der Stadt haben wollen. Das hatten wir ja schon, Stichwort “E-Roller”. Überall stehen und liegen sie herum, also sofort verbieten.

Was wären nun die Folgen eines solchen Eingriffs? In aller Schnelle: Arbeitskräfte die außerhalb wohnen, würden versuchen in die Stadt zu ziehen, was die heute schon horrenden Mieten noch höher treibt. Oder sich gleich anderswo einen neuen Job besorgen. Die Nachfrage bräche ein, denn auch die Anlieger hätten eine sinkende Aufenthaltsqualität – dazu gleich mehr. Womöglich würde das den Onlinehandel (der doch überall die lokalen Geschäfte zerstört…) sogar noch weiter befeuern.

Handwerker könnten nicht mehr überregional arbeiten und würden wahrscheinlich die Flucht aus dieser Stadt ergreifen. Ihnen würden auch andere Lieferbranchen folgen. Verarbeitende sowieso, denn sie könnten weder Warenverkehr erhalten, noch verarbeitetes wieder ausliefern. Im Endeffekt bräche die Produktivität massiv ein. Erlahmende Handelszentren (aka “Städte”) drücken Unternehmensumsätze massiv und somit auch den Bundeshaushalt.

Weniger Steuern, weniger Geld für Bildungs- und Sozialleistungen und die Spirale geht noch weiter nach unten. Dazu aber unten gleich mehr…

Musterbeispiele, die keine sind

Schon bevor Amazon groß wurde, musste sich der Handel in Fußgängerzonen wegen ausbleibender Kunden zurückziehen. Haben die Kunden keine Aufenthaltsqualität, können also nirgendwo Parken und Laden wie beispielsweise am Beispiel der Friedrichstraße/Berlin, gehen sie eben woanders hin. Und ob lokaler Handel von wenigen Anwohnern in einem kleinen Radius überleben kann, wage ich stark zu bezweifeln. Amazons Größe, Macht und Einfluss kommt zur Argumentation also gerade recht.

Und immer wieder das Argument Niederlande. Nein, Utrecht ist keine autofreie Stadt – auch nicht das neuste Musterbeispiel Barcelona. Beide haben lediglich Fußgängerzonen bzw. Blockviertel bekommen!

Verzerrte Realität

Gerade was die Niederlande angeht, wird die eigentlich wichtige Diskussion über die Mobilität der Zukunft in die Lächerlichkeit gezogen. So führt mancher Forist, Twitterer oder Gastbeitragsautor euphorisch den “komplett autofreien” Ort Weesp an.

Was natürlich nicht erwähnt wird, Weesp ist keineswegs autofrei. Man nimmt Bezug auf den Ortsteil De Hogeweyk. Dieser wurde speziell für demente Menschen errichtet und trägt u. a. den Beinamen Dementiedorp – Demenzdorf. Außer Rollstühlen und Rollatoren, gibt es dort tatsächlich keinen Individualverkehr.

Die Niederlande und das Fahrrad

Als Ursachen dieser Fahrradnation spricht man bei uns gerne vom erhöhten Umweltbewusstsein der Niederländer oder einer aufsehenerregenden Verkehrstoten-Statistik aus den 1970er-Jahren, die die Niederländer zu einem “frühen Umdenken” bewegt hätte. Doch das sind neuzeitliche Mythen. Der Fahrradtrend dort war schon zu Zeiten der Weltkriege präsent.

Die Sache mit den Niederländern und dem Fahrrad ist sehr komplex. Einer der Hauptgründe ist die Fortbewegung als Statussymbol zur Zeit beider Weltkriege und einer daraufhin ausgerichteten Infrastruktur. Wer in diesen Zeiten von Wiederaufbau, chronischer wirtschaftlicher Nöte und Massenarmut Zugang zu Individualverkehr hatte, war Krösus – übrigens auch in Deutschland. Aber auch die vielen historischen Bauten, die oft so eng aneinandergebaut sind und Gassen bilden, in denen man mit einem schmalen Rad wesentlich besser und schneller vorankommt. Auch die Flachheit der Niederlande spielen eine entscheidende Rolle.

Immerhin, dort haben die Regierungen aber getan, was man in Deutschland nach wie vor kläglich versäumt: Neben einer modernen Verkehrsplanung für den Individualverkehr* baut man dort immer noch Fahrradstraßen – keine den Verkehrsfluss behindernden Pop-ups, um sich anschließend über Stauungen zu empören!


* Während meinen Amsterdam-, Zwolle- und Utrecht-Aufenthalten war ich sehr überrascht, dass selbst der dreckigste öffentliche(!) Gassen-Parkplatz noch Ladesäulen für E-Autos bereitstellt. In meiner 60.000-Einwohner-Heimatstadt gibt es derzeit gerade einmal VIER…

Tim

Digital native, Blogger, Photographie, Musik-/Film-Junkie. Autismus, PTBS. Macht beruflich was mit Zahlen. Ein Bisschen Politik, viel soziales. Mag Füchse und mit Käse überbackenes.

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