Autistischer Burnout

Ein autistischer Burnout unterscheidet sich von dem durch Depressionen bedingten “Burnout” (Erschöpfungsdepression). Betroffene sind zu lange Stresssituationen ausgesetzt und haben keine wirksamen Bewältigungsstrategien mehr. Leider ist dieses Thema in Deutschland (wieder einmal…) kaum geläufig, daher hoffe ich im Folgenden, überwiegend basierend auf US-amerikanischen Quellen, etwas Abhilfe zu schaffen.

Was ist ein autistischer Burnout

Ein autistischer Burnout, auch bekannt als Autismus-Burnout, ist mit einem Shutdown vergleichbar. Er unterscheidet sich jedoch dadurch, dass er wesentlich länger anhält. Im Gegensatz zu einem “herkömmlichen” Burnout, müssen ihm nicht zwangsläufig Depressionen zugrunde liegen.

Sind autistische Personen zu lange anhaltender Stressbelastung ausgesetzt und ihre Bewältigungsstrategien ausgeschöpft, manifestiert sich dieser Burnout im Verlust der Funktionalität von Betroffenen. Der Alltag kann nicht länger bewältigt, selbst typischen Routinen kann nicht länger nachgegangen werden. Außerdem sind eine starke körperliche sowie emotionale Erschöpfung, häufigere Overloads und Meltdowns die Folge.

Solche Stressbelastungen sind beispielsweise zu viele Aktivitäten, Zwänge, zu intensives Masking, Fremdeinwirkung usw. Insbesondere Masking kostet sehr viel Kraft und Aufwand. Über einen zu langen Zeitraum angewandt, brennt die autistische Person aus und verliert infolgedessen exekutive Fähigkeiten. Obwohl Routinen für Autisten wichtig sind, können sich zu viele davon ebenso negativ auswirken.

Masking

Masking (Maskieren, Tarnen) ist das Imitieren neurotypischen Verhaltens sowie das Unterdrücken autistischen Verhaltens. Anders gesagt bedeutet das, so zu tun, als wäre man nicht autistisch.

Beispiele für die Imitierung wären das Aufbauen von Blickkontakt in der Schule oder der Arbeitsstelle und Gespräche Skripten und Smalltalk betreiben, Nachahmen von Gesichtsausdrücken und Verhaltensweisen in spezifischen Situationen (Trotz Unverständnis Lachen, nachdem ein Witz erzählt wurde, selbst Witze erzählen, Gespräche erfinden, “locker drauf sein”, Augenzwinkern, Kopfnicken).

Beispiele für das Unterdrücken wären das Ertragen sensorischer Reize (bzw. so tun als ob), Spezialinteressen verbergen und akzeptierte Interessen vortäuschen, Unterbinden von Stimming, ein Repertoire einstudierter Antworten auf Fragen parat zu haben, statt “instinktiv autistisch” zu antworten.

Die meisten dieser Punkte sind für Autisten nicht intuitiv. Daher dient beides dazu, im Alltag weniger aufzufallen, angepasst zu wirken, akzeptiert zu werden und Anerkennung zu erfahren. Viele Autisten haben dieses System wahrhaftig bis in den Burnout perfektioniert.

Anzeichen eines autistischen Burnout

  • Chronische Erschöpfung, körperlich und emotional – trotz wenigen Aktivitäten
  • Alltagsbewältigung kaum mehr möglich
  • Sensiblere Sinnesreize
  • Overloads und Meltdowns treten vermehrt auf
  • Masking ist nicht mehr möglich, Verhalten wirkt “noch autistischer”
  • Einschränkung/Verlust exekutiver Fähigkeiten (Routinen abarbeiten, Entscheidungen treffen, Aufgaben bewältigen in Job/Schule, Selbstorganisation, Selbstfürsorge…)
  • Eingeschränkte bis keine Sprache
  • Verminderte Konzentrationsfähigkeit
  • Panik- und Angstzustände

Ursachen

  • Zu intensives Masking über einen zu langen Zeitraum
  • Zu viele Aktivitäten und Routinen
  • Schlafmangel
  • Zu viele Veränderungen
  • Zwänge und andere Fremdeinwirkungen genauso wie Zwangsstörungen
  • Zwangsvergesellschaftung
  • Stress allgemein (Schule, Beruf usw.)

Abhilfe und Vorbeugung

  • Ruhe und Rückzug
  • Zeit und ausreichende Pausen
  • Urlaub, wenn möglich eine Auszeit
  • Aufgaben und Routinen rationalisieren
  • Nein-sagen
  • Selbsterwartungen reduzieren
  • Praktische Unterstützung und Hilfeleistungen
  • Stimming nicht unterdrücken, Spezialinteressen nicht vernachlässigen
  • Umgebungsbedingungen verbessern
  • Körpersignale wahrnehmen und angepasst handeln

Für Außenstehende

  • Erwartungen und Verpflichtungen reduzieren
  • Aktive, praktische Unterstützung
  • Emotionale Unterstützung
  • Schaffen von Rückzugs- und Ruheorten
  • Akzeptanz

Bei der Behandlung “herkömmlicher” Depressionen geht es darum, das Selbstwertgefühl und die soziale Interaktion betroffener Personen zu stärken und wieder aufzubauen. Im Fall des autistischen Burnout hingegen darum, den Druck der Außenwelt zu reduzieren. Zwar sind sicherlich viele Autisten fähig, sich selbst zu helfen, aber nicht jeder schafft das allein.

Ein erster Schritt besteht darin, die auslösenden Situationen zu erkennen und zu minimieren, sofern möglich auch zu beseitigen. Sobald Klarheit besteht, kann ein Gespräch mit der Schule oder der Arbeitsstelle hilfreich sein.

Tim

Digital native, Blogger, Photographie, Musik-/Film-Junkie. Autismus, PTBS. Macht beruflich was mit Zahlen. Ein Bisschen Politik, viel soziales. Mag Füchse und mit Käse überbackenes.

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